Da denkt man an nichts Böses....

Da spaziere ich gestern mit Olivia durch die Wälder. Eine Frau kommt mir entgegen. Jung, sehr schlank.

 

Mit einem deutschen Boxer! Mein Herz ging etwas schneller. Ich hatte ja auch mal welche. 3 Stück – um genauer zu sein. Alle heiß geliebt, unvergessen und ja, ich habe immer noch ein Foto dabei. Das war schon peinlich, auf so manchem Elternabend. Als die anderen Mütter die Fotos ihrer Kinder zückten – und ich mit einem wirklich wunderschönen dunkelgestromten Boxer konterte. Nun gut – meine Kinder haben mir verziehen – sie kennen mich halt.

Heute habe ich eine entzückende Goldie-Hündin, Olivia ist eindeutig wundervoll, eine atemlos-wuselige, lebenslustige Seele von Hund, gepaart mit dem robusten Temperament eines Bierkutschers. Aber ich mache natürlich das, was wohl jeder macht, der auf einen Hund seiner Vergangenheit trifft. Ich schaue den Boxer verzückt an, gebe einen hohen Winsellaut von mir und sage zu der wildfremden Person „Ooooooh wie schöööön, ich hatte auch mal drei...“ 

Das reicht in der Regel aus, um ein angeregtes Gespräch zu führen und dem fremden Hund verstohlen über die samtige Knautscheschnute zu streicheln. Olivia kennt das schon und straft diese Aktion mit schweigender Verachtung. Das wird mich hinterher ein gutes Leckerli kosten – ich weiß. 

 

Doch dieser Boxer ist anders.

Der Kopf ist schon so, wie ich ihn kenne. Etwas zu rund vielleicht. Und er sitzt auf einem viel zu dünnen Körper. Zurückhaltend ist er auch – ich bin erstaunt. „Wie alt ist sie denn, die Kleine?“, frage ich. „3 Jahre“, seufzt die Frau. Auf meinen ungläubigen Blick hin klagt sie mir ihr Leid. „Sie hat alles. Allergien, Hautprobleme, Unverträglichkeiten – ich war mit ihr die ganzen Jahre nur beim Tierarzt. Sie frisst auch nicht und nimmt nicht zu, nervös ist sie auch.“. „Das kenne ich von meinen nun nicht“, sage ich. „Aus welcher Zucht stammt sie denn?“ „Ja nun, das kann man nicht gerade Zucht nennen“, weicht die Frau mir aus. „Es ist mehr so aus dem Kofferraum.“ Sie redet hastig weiter, wie, um sich selbst zu beruhigen. „Wissen Sie, wir hatten vorher schon einen Boxer. So richtig vom Züchter. Der starb aber, als er neun Jahre alt war. Und da dachten wir – beim nächsten Mal holen wir uns so einen „Straßenboxer“ – der lebt vielleicht etwas länger“. 

 

Was soll ich jetzt das Messer in der Wunde herumdrehen?

Ich sehe es im Gesicht der jungen Frau, wie unbehaglich sie sich fühlt. Denn dieser Hund sieht einem Boxer entfernt ähnlich – aber er ist halt keiner. Weder äußerlich, noch innerlich.  „Wie ist sie denn so?“ frage ich. „Sie wacht noch nicht einmal“, seufzt die junge Frau. „Bei uns ist letztens eingebrochen worden. Ihr Körbchen steht im Flur, direkt an der Haustür. Noch nicht einmal gebellt hat sie. Wir wurden erst am nächsten Morgen wach und sahen die offene Haustür.“. Sprachlos stehen wir voreinander. Sie hatte vorher einen richtigen Boxer und weiß, wie diese Hunde sind. Fröhlich, derbe, grenzenlos gutmütig – aber von Natur aus mutig und beschützend. Da musst du nicht viel ausbilden, das ist in dem Hund drin. Ich schau mir das Hündchen an. So hager, so zart, mit diesem viel zu großen Kopf und den melancholischen Augen. Wie mag es wohl seiner Mami gehen? Liegt sie in einem kalten Strohverschlag, ohne ärztliche Behandlung, bekommt Hormone und wirft drei Würfe im Jahr? Da ist es, vor meinen Augen – ein Welpenmafia-Hündchen. Sieht ungefähr so aus wie ein Boxer, ist es aber nicht.

 

Das arme Geschöpfchen.

Wir seufzen beide, die junge Frau und ich. Ich wünsche ihr noch alles Gute und sehe, wie sie weitergehen. Beide so zart, so zerbrechlich und so hilflos. Dann schaue ich auf das Ende meiner Leine und sehe in ein hartes braunes Augenpaar. „DU hast einen fremden Hund gestreichelt!“ Sagen diese. Klar – Olivia ist ein ECHTER Retriever. Standfest, klug, selbstbewusst mit einer Vorliebe für Wasser in jeder Form und einer kulinarischen Trüffelnase. Sie ist genau das, was man erwartet, wenn man einen Retriever kauft. Es ist so einfach. Wenn du das Original willst, dann musst du das Original auch kaufen. Wisst ihr -  bei einer Modemarke finde ich einen Fehlkauf verzeihlich. Dann ist die neue Regenjacke halt nicht wirklich wasserfest und wird weiter verschenkt. Aber hier geht es um Leben. Mit unseren Kaufentscheidungen hat JEDER die Macht, die Welt in die eine oder andere Richtung zu verändern. Wir können uns für ordentliche Züchter entscheiden – oder aber für profitorientierte Billigproduzierer, die auf unser Mitgefühl setzen. Ihr ahnt gar nicht, wie oft ich Anrufe von überforderten und tieftraurigen Menschen bekomme, die ihren Hund nicht verstehen. Weil er verstört, traumatisiert und hilfsbedürftig ist. Also bitte, bitte, macht das Richtige. 

 

Claudia de la Motte,

Chefredakteurin der Hundewelt