4 Pfoten im Einsatz

„Ich habe des Öfteren darüber nachgedacht, warum Hunde ein derart kurzes Leben haben, und bin zu dem Schluss gekommen, dass dies aus Mitleid mit der menschlichen Rasse geschieht; denn da wir bereits derart leiden, wenn wir einen Hund nach zehn oder zwölf Jahren verlieren, wie groß wäre der Schmerz, wenn sie doppelt so lange lebten?" 

Sir Walter Scott

 

Wie Recht Sir Walter Scott doch hatte. Vor drei Tagen hatte ich meinen Gundo, meinen ersten Diensthund begraben müssen. Elf Jahre alt war er geworden. Der Schock, Schmerz und Trauer saßen noch tief. Mein Chef, der mir auf der anderen Seite seines Schreibtisches gegenüber saß, schob mir ein Formular zur Unterschrift zu. Darin stand, dass Diensthund Nr. 50, Gundo vom Almanach, am 10. Mai 2001 ausgemustert worden war. Grund: Ableben. 

Anschließend legte er das Blatt im Ordner Inventar, Unterverzeichnis Diensthunde, ab und schob ihn in die Lücke zwischen all den anderen Akten im Schrank hinter sich. Eine Weile betrachtete er mich, das um Fassung ringende Häufchen Elend vor ihm. Ich glaube, er hatte Mitleid, aber er ließ sich das kaum anmerken. 

„Tja, Elmar, auch das gehört zum Geschäft. Leider. Jetzt brauchen wir erst einmal einen neuen Hund für dich. Zufällig wurde uns gestern einer angeboten. Sehr günstig. Ein belgischer Schäferhundrüde, zwei Jahre alt. Wir könnten ihn sofort kaufen. Auf Probe, versteht sich.“

So schnell ging das also. Kaum war Gundo zu den Akten gelegt, wurde eine neue geöffnet. Aber letztendlich war ich Hundeführer und wollte es bleiben. Sollte ich also nach vorne schauen und mich mit dem Gedanken an einen anderen Hund anfreunden? Ich wehrte mich dagegen. Denn wäre dies nicht Verrat an meinem treuen Freund und Begleiter der letzten zehn Jahre? 

 

Mit Chicco war alles anders.

 

Nicht nur, dass ich gegen alle Gepflogenheiten bei seinem Ankauf nicht dabei gewesen war, es blieb mir auch ein Rätsel, das unser damaliger stellvertretender Chef einen Hund kaufte, dessen Vorgeschichte völlig unbekannt war. Auf Irrwegen war er bei einem Hundehändler nahe der belgischen Grenze und nun bei uns in der Zwingeranlage gelandet. Dementsprechend war unser erstes Zusammentreffen. Als ich mich dem Zwinger näherte, flog mir Chicco förmlich entgegen. Aber nicht aus Begeisterung, nein, es war pure Aggression.

 

Er sprang mit Anlauf gegen das uns trennende Gitter,

bellte mit kreischender Stimme, Speichelfetzen spritzen in meine Richtung,

ich sah hellbraune, fast gelbe Augen und sämtliche Zähne, die er zu bieten hatte. 

 

Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück, was den Hund veranlasste, mindestens zehn Pirouetten durch den Zwinger zu drehen, ehe er wieder zum Angriff überging. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das sollte mein neuer Diensthund werden? Ich erinnerte mich an die Knabberstangen, die ich zur Begrüßung mitgebracht hatte, steckte eine davon durch das Gitter. Chicco riss sie mir aus den Fingern, spuckte sie aus und versuchte, mich in die Hand zu beißen. 

Meine Ohren schmerzten. Das Bellen, dessen Stimmlage ungleich höher war als die eines Deutschen Schäferhundes, empfand ich als unerträglich. Und ich fühlte mich hilflos. Enttäuscht wandte ich mich ab und ging zurück ins angrenzende Gebäude unserer Staffel. Wie sollte ich mit diesem Hund jemals Freundschaft schließen, wie sollte er einmal der Partner an meiner Seite werden?

 

Elmar Heer schreibt jeden Monat in der Hundewelt.